Wo in den letzten 32 Jahren die Geflüchteten lebten
Kaum erforscht, kantonal unterschiedlich und politisch umkämpft: Das Schweizer Asylsystem kurz erklärt. (Video mit Gülsha Adilji, Foto: Peter Klaunzer/Keystone)
Von Martin Stoll und Christian Zeier. Der Asyl-Atlas von Öffentlichkeitsgesetz.ch und dem Recherche-Team Reflekt zeigt erstmals, wie sich Menschen im Asylprozess zwischen 1994 und 2025 auf die Schweizer Gemeinden verteilten – und weshalb manche Gemeinden niemanden aufnahmen.
Die Datenanalyse zeigt enorme Unterschiede. In einzelnen Gemeinden lebten im Asylprozess zeitweise bis zu 35 Personen pro 100 Einwohner. Gleichzeitig gibt es fast 100 Gemeinden, in denen seit 1994 keine einzige Person registriert war.
Zwei Ansätze, 26 Lösungen
Die grossen Unterschiede sind nicht zwingend Ausdruck fehlender Solidarität. Sie haben vor allem mit den kantonalen Verteilmodellen zu tun. Zwar werden Menschen im Asylprozess proportional zur Bevölkerung auf die Kantone verteilt. Wie sie anschliessend den Gemeinden zugewiesen werden, entscheiden die Kantone jedoch selbst.
Bei dieser Aufteilung auf die Gemeinden werden zwei Ansätze angewendet: Beim Quotensystem muss jede Gemeinde proportional zu ihrer Bevölkerung Personen aufnehmen. Bei zentral gesteuerten Systemen bestimmt der Kanton oder eine kantonale Organisation die Standorte und sucht geeignete Unterkünfte.
Wie sich diese Systeme über Jahrzehnte auf einzelne Gemeinden ausgewirkt haben, wurde bisher kaum untersucht. Bei dieser Lücke setzt der von Öffentlichkeitsgesetz.ch und Reflekt erarbeitete Asyl-Atlas an.
Mehr Wissen für bessere Entscheidungen
Der Asyl-Atlas ist Teil einer Initiative von Öffentlichkeitsgesetz.ch, die Verwaltungsdaten beschafft, aufbereitet und öffentlich zugänglich macht. Ziel ist es, neue Datengrundlagen für Forschung, Politik und Medien zu schaffen. Nach der Wohnkosten-Recherche «Wohnen am Limit» wird dieser Ansatz nun mit dem Asyl-Atlas fortgeführt.
Dafür beschafften wir gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz beim Staatssekretariat für Migration (SEM) einen Datensatz zu den Asylzuweisungen der vergangenen 32 Jahre. Zusammen mit den Bevölkerungszahlen berechneten wir daraus die Asylquoten aller Schweizer Gemeinden. Sie gibt an, wie viele Personen im Asylprozess auf 100 Einwohner einer Gemeinde kommen. Die Ergebnisse der Datenanalyse wurden Regionalredaktionen in der ganzen Schweiz zur Verfügung gestellt und dienten als Ausgangspunkt für weitere Recherchen vor Ort.
Viele offene Fragen
Die Auswirkungen der unterschiedlichen Verteilsysteme sind bis heute weitgehend unerforscht. Bekannt ist, dass Kantone mit Gemeindequote bei anerkannten Flüchtlingen tendenziell tiefere Sozialhilfequoten aufweisen als Kantone, die auf Zentren setzen. Doch dieser Unterschied lässt sich nicht einfach auf das Verteilsystem zurückführen. «Bestimmte Kantone sind wirtschaftlich schlicht im Vorteil», sagt Migrationsforscher Didier Ruedin von der Universität Neuenburg. Die Wirtschaftsstruktur und der Mix der Herkunftsländer seien wichtige Faktoren.
Drei Kantone, drei Wege
Ein unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender im Transitzentrum «Landhaus» in Davos. (Foto Gian Ehrenzeller/Keystone)Wie unterschiedlich die Unterbringung von Menschen im Asylprozess in der Schweiz organisiert wird, zeigen die Beispiele Bern, Waadt und St. Gallen.
- Im Kanton Bern erfolgt die Unterbringung weitgehend zentral über regionale Partnerorganisationen und grössere Unterkünfte. Dies ermöglicht eine gebündelte Betreuung und Infrastruktur, führt aber dazu, dass sich die Verantwortung auf einzelne Gemeinden konzentriert.
- Im Kanton Waadt prägt vor allem der Wohnungsmarkt die Verteilung. Weil bezahlbarer Wohnraum häufiger in finanzschwächeren Gemeinden verfügbar ist, leben dort überdurchschnittlich viele Menschen im Asylprozess.
- Einen dritten Weg geht St. Gallen: Dort werden die Gemeinden von Anfang an eingebunden und können einen Grossteil der ihnen zugewiesenen Personen freiwillig auswählen und aufnehmen. Erst wenn keine freiwillige Lösung zustande kommt, greift der Verteilschlüssel.
Laut Dominik Hangartner, ETH-Professor für Politikanalyse und Co-Direktor des Immigration Policy Lab, fehlt in der Schweiz bislang eine systematische Auswertung der unterschiedlichen kantonalen Systeme.
Zwar diskutiert die Schweiz seit Jahren intensiv darüber, wie viele Menschen sie aufnehmen soll. Wenig weiss man darüber, wie die Verantwortung am besten verteilt wird. Führt eine breite Verteilung der Geflüchteten zu mehr Akzeptanz oder überfordert sie kleinere Gemeinden? Fördert die Konzentration in grösseren Zentren die Integration oder ist die dezentrale Unterbringung der bessere Weg? Wie beeinflusst der Verteilschlüssel das politische Klima in einer Gemeinde? Der Asyl-Atlas schafft zur Beantwortung solcher und weiterer Fragen eine neue Datengrundlage.
Mit den herausverlangten Daten wurden Artikel realisiert von «Schaffhauser AZ» «Tages-Anzeiger» «Aargauer Zeitung» «Zentralplus – Zug» «Zentralplus – Luzern» «Solothurner Zeitung» «bz Basel» «24heures»




















