Transparenz und ihre Grenzen im Wissenschaftsbetrieb

Auskunft über die Nebenjobs der Professoren: ETH Zürich (oben), ETH Lausanne (unten)

Von Marcel Hänggi. Zwei Monate, nachdem die Universität Zürich ihren Vertrag mit der UBS Foundation aufgrund des öffentlichen Drucks publiziert hat, hat der Eidg. Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) entschieden: Auch die beiden ETH müssen Verträge über Lehrstuhlsponsorings offen legen. Und sie müssen bekannt geben, welchen Nebenbeschäftigten ihre Professorinnen und Professoren nachgehen.

Wie viel Transparenz braucht Forschung – und wie viel verträgt sie?

In einer Empfehlung kam der EDÖB kürzlich zum Schluss, dass das BGÖ auch Forschungsgeheimnisse – konkret: Skizzen von Forschungsvorhaben und Namen von Reviewern – schütze, obwohl der Begriff «Forschungsgeheimnis» im Gesetz nicht vorkommt. Aber ist es auch legitim, geheim zu halten, wer die Forschung an öffentlichen Institutionen finanziert und was für Interessenbindungen Forscherinnen und Forscher dieser Institutionen haben? Nein, sagen zwei Empfehlungen des EDÖB vom 26. und 27. Februar 2014.

Ich hatte an die beiden ETH im Auftrag der WOZ fast gleich lautende Akteneinsichtsgesuche gestellt: Ich wollte eine Liste der gesponserten Lehrstühle inkl. Namen der Geldgeber und der gestifteten Beträge, je einen Vertrag zu einem Lehrstuhlsponsoring (von der ETH Zürich: mit Syngenta; von der ETH Lausanne: mit Nestlé resp. Nestec S.A.) sowie die Liste der von den Professorinnen und Professoren der Schulleitung gemeldeten Nebenbeschäftigungen. Die ETH Zürich bot mir an, den Vertrag mit Syngenta integral zu lesen – aber nur informell (ich habe das Angebot angenommen, bestand aber auf der Forderung, ihn auch offiziell zu erhalten). Bei der ETH Lausanne sagte mir Präsident Patrick Aebischer, ich dürfe den Vertrag sehen, denn da stehe nichts Problematisches drin – aber die Rechtsabteilung sagte Njet. Die anderen Teilgesuche wurden abgelehnt; die ETH Zürich gab mir lediglich eine summarische Zusammenstellung von Donatoren.

Nun hat der EDÖB auf der ganzen Linie zugunsten meiner Gesuche entschieden (wobei ein Vertrag der ETH Lausanne mit Nestlé geheim bleiben darf, da er vor Inkrafttreten des BGÖ unterzeichnet wurde). Der EDÖB ist der Meinung, dass «die Nennung eines Lehrstuhlinhabers einer staatlichen Bildungseinrichtung in Kombination mit der Bezeichnung des Lehrstuhls, eines allfälligen Donators und des konkreten Donationsbetrags die Privatsphäre der betroffenen Personen nicht tangiert» und dass «ein bedeutendes öffentliches Interesse besteht zu erfahren, welche Interessenbindungen bei diesen Personen bestehen». Ein öffentliches Interesse an einer Offenlegung der Verträge sei unter anderem dadurch gegeben, dass die grundsätzlich staatlich finanzierten Hochschulen «durch private finanzielle Unterstützung in erheblichem Ausmass schlussendlich auch Forschung betreiben, welche im Interesse der Privatwirtschaft liegt.»

Nach diesem Entscheid und dem ähnlich lautenden Entscheid nach kantonalem Recht zur Uni Zürich dürfte es zumindest im ETH-Bereich und an den Hochschulen in Kantonen mit einem Öffentlichkeitsgesetz künftig schwierig sein, Geheimverträge zu rechtfertigen. Am bemerkenswertesten aber scheint mir, dass Interessenbindungen individueller Forscherinnen und Forscher offen gelegt werden müssen.

Denn Transparenz schafft Interessenkonflikte nicht aus der Welt – aber sie hilft der Öffentlichkeit, differenziert zu urteilen. Das ist an sich auch unbestritten: Führende Wissenschaftsjournale verlangen von ihren Autoren die Offenlegung ihrer Interessenbindungen. Wer in der Wissenschaft Karriere machen will, muss also sowieso die Bereitschaft mitbringen, zu seinen Interessenbindungen auch öffentlich zu stehen. 

In den USA hat vor vier Jahren der oberste Wissenschaftsförderer, NIH-Direktor Francis Collins, ein öffentliches Register von Interessenbindungen von Forscherinnen und Forschern gefordert. Er ist damit nicht durchgedrungen. Der EDÖB geht nun weiter als die Interessenkonflikt-Richtlinien der NIH

Befremdend ist, wie weit der Wille zur Geheimhaltung der ETH ging. Selbst die Präambel der Verträge, die Zwecke der Vereinbarungen oder die Forschungsbereiche, in denen die gestifteten Lehrstühle tätig sein sollten, wollten sie als Geschäftsgeheimnisse verstanden wissen, obwohl die Forschungsbereiche ja auch Teil der öffentlichen Stellenausschreibung waren. Die ETH argumentierten, die Diskussion um den UBS-Vertrag der Uni Zürich habe gezeigt, «wie schnell in der Öffentlichkeit vorschnelle Vorverurteilungen der betroffenen Donatoren und Professoren entstünden und entsprechende Medienberichterstattungen, welche bisweilen sogar zu Ehrverletzungen (!) führen können, auslösen». Nun ist es an den Hochschulen, zu zeigen, inwieweit jemand unabhängig forschen kann, wenn er formelle Beziehungen zu einem Unternehmen unterhält, das an den Resultaten seiner Forschung interessiert ist. 


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