Gibt es an der ETH Lausanne Geheimverträge?

Von Marcel Hänggi. «Transparenz» ist in den Wissenschaften ein Zauberwort. Aber wie halten es die Forschungsbetriebe selber damit? Für die WOZ habe ich bei den beiden ETH die Probe auf’s Exempel gemacht.

Keine Transparenz über Lehrstuhl-Sponsoring: Forschungslabor der ETH Lausanne (Foto: Keystone)

In Lausanne verlangte ich mit Berufung auf das Öffentlichkeitsgesetz (BGÖ) Einsicht in Verträge mit Nestlé betreffend zwei «Nestlé Chairs». Der Antrag wurde abgelehnt: die Verträge enthielten Geheimhaltungsklauseln. Diese Begründung ist brisant: Ein Lehrstuhl-Sponsoringvertrag mit Geheimhaltungsklausel ist mit «guter wissenschaftlicher Praxis» nicht vereinbar.

Das sieht sogar der Präsident der ETH Lausanne, Patrick Aebischer, so: Als ich ihn fragte, weshalb die Verträge geheim seien, wusste er nichts davon und zeigte sich erstaunt: Da dürfe gar nichts Heikles drin stehen.

Die ETH Zürich bot mir an, mich über den Vertrag mit Syngenta betreffend den Lehrstuhl für nachhaltige Agrar-Ökosysteme «vollständig mündlich zu informieren». Zuvor schon hatten Syngenta-KritikerInnen den Vertrag sehen dürfen, mit der Auflage, nicht ohne Einwilligung der Schulleitung daraus zu zitieren. Juristisch dürfte das kaum zu halten sein: Entweder ein Vertrag ist geheim oder nicht; halbgeheim (einsehen, aber nicht zitieren dürfen) gibt es nicht.

Ferner wollte ich von beiden ETH Einsicht in die Register der Interessenbindungen ihres wissenschaftlichen Personals. Beide haben mit Berufung auf den Persönlichkeitsschutz abgelehnt. Auch das ist aus Sicht der «guten Praxis» fragwürdig. Zahlreiche wissenschaftliche Fachzeitschriften verlangen heute von ihren AutorInnen, ihre Interessenbindungen zu deklarieren, ebenso Tagungsveranstalter von ihren ReferentInnen. Wer wissenschaftlich arbeiten will, muss bereit sein, seine Interessen offen zu legen (ob es auch gemacht wird, steht auf einem anderen Blatt). Pikant: Die Juristin der ETH Lausanne, die mein Gesuch beantwortete, hatte mir zuvor – als ich mich noch nicht auf das BGÖ berufen hatte – schriftlich mitgeteilt, das Register der Interessenbindungen sei «nicht geheim».

Der Eidg. Öffentlichkeitsbeauftragte hat zwei Schlichtungsverfahren eröffnet.

P.S.: Auch die Uni Zürich will ihren Vertrag mit der UBS betr. das «UBS International Center for Economics in Society» nicht herausrücken: «Wir tun das bei Verträgen zu Stiftungslehrstühlen grundsätzlich nicht», sagt Pressesprecher Beat Müller. Auch der Kanton Zürich kennt das Öffentlichkeitsprinzip der Verwaltung.

 

 


 

Marcel Hänggi arbeitet als freier Journalist. www.mhaenggi.ch


2 Kommentare

Ausgezeichneter Artikel!
Immer dort den Finger drauf drücken, wo es schmerzt!
Ausserdem ist für mich die sogenannte Wissenschaft die grösste Betrüger- und Pseudoforschungssparte, die es gibt.
Schauen Sie einmal unter „Johannes Jürgenson,
die lukrativen Lügen der Wissenschaft“ im Web nach: http://www.google.ch/#hl=de&output=search&sclient=psy-ab&q=die+lukrativen+lügen+der+wissenschaft+pdf&oq=die+lukrat&aq=1&aqi=g6g-v4&aql=&gs_nf=1&gs_l=hp.3.1.0l6j0i15l4.675.5683.1.7214.20.20.5.2.2.0.136.967.11j2.13.0.ePCX1BOYM8Q&psj=1&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.r_qf.,cf.osb&fp=d4db95ad64a179ba&biw=1272&bih=854

Von Andreas Volkart | 26.04.2012, 08:57 Uhr


Mich würde nicht wundern, wenn die Uni Zürich, die ich zwar nicht für schlecht, aber in gewissen Teilen überhaupt nicht für seriös und unabhängig halte, noch mit Avenir Suisse, Economie Suisse, plus diversen anderen Pharmafirmen zusammen arbeiten würde.
Hier sollte man weiter nachrecherchieren!
Auch die „Vision Landwirtschaft“ wird von einem nahmhaften Sponsor aus der Pharmaindustrie unterstützt, um politisch ideologische Ideen zu verbreiten und zu etablieren…

Von Andreas Volkart | 26.04.2012, 09:01 Uhr


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