Die Wochenzeitung gewinnt den Prix Transparence 2020

«Ist von öffentlichem Interesse»: Die WOZ-Journalisten Surber und Jirát.

Von Martin Stoll. Fünf Jahre lang kämpften sie für die Daten, die schliesslich einen tiefen Einblick ins Schweizer Rüstungsgeschäft ermöglichten. Dafür werden die Journalisten Jan Jirát, Kaspar Surber und Lorenz Naegeli mit dem Prix Transparence 2020 ausgezeichnet.

Noch nie haben Medienschaffende mit den Öffentlichkeitsgesetzen so viele Beiträge realisiert wie im vergangenen Corona-Krisen-Jahr. Mit Protokollen wurde belegt, wie die Behörden das Pandemie-Risiko anfangs unterschätzten, oder dann konnte das Masken-Debakel nachgezeichnet werden. Zur besten Transparenzstory des Jahres 2020 kürte eine ChefredaktorInnen-Jury schliesslich einen «WOZ»-Beitrag zu Waffenexporten. 

 

«Die Wochenzeitung» musste sich die Daten zum Schweizer Rüstungsgeschäft hartnäckig erstreiten. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) verweigerte den Zugang zur Firmenliste, da Geschäftsgeheimnisse und aussenpolitischen Interessen der Schweiz tangiert seien. In einem unmissverständlichen Urteil machte das Bundesgericht dann aber klar, dass die Namen der Rüstungsexport-Firmen veröffentlicht werden müssen.

Schweiz ist Teil eines globalisierten Waffengeschäfts

Die von den «WOZ»-Journalisten erkämpften Daten geben erstmals einen tiefen Einblick ins Schweizer Waffengeschäft: Sie zeigen, wer die rund 150 im Rüstungsgeschäft tätigen Firmen sind, welche vom Bund 2017 eine Exportbewilligung erhalten haben. «Das Geschäft hat jetzt Name und Adresse», sagt «WOZ»-Co-Redaktionsleiter Kaspar Surber.

Die Preisträger des Prix Transparence

Öffentlichkeitsgesetz.ch verleiht den Prix Transparence zum dritten Mal. Damit ausgezeichnet werden Medienschaffende, welche ein Öffentlichkeitsgesetz zielführend und wirkungsvoll anwenden.

Ein Pokal, der vom Berner Kunstglaser Daniel Stettler aus Berner Amtshaus-Sandstein und Glas geschaffen worden ist, wurde der «WOZ»-Redaktion in Zürich übergeben.

 

Die Daten belegen, dass die Schweizer Rüstungsfirmen längst Teil eines globalisierten Waffenhandelsgeschäfts sind, in dem ein Dutzend Konzerne den Ton angeben. Die in Debatten immer wieder vorgebrachte Behauptung, KMUs seien das Rückgrat der Schweizer Rüstungsindustrie, sei entkräftet worden, schreibt die «WOZ». Schweizer KMUs tauchen in den im Sommer 2020 publik gemachten Daten als Lieferanten von Stanzmaschinen, ABC-Filtern oder optischen Geräten auf.

Ausdauer und Hartnäckigkeit beeindruckten die Jury

Die erstrittenen Daten von Rüstungskonzernen, Zulieferern und Waffenhändlern hat die «WOZ» in einer interaktiven Karte aufbereitet. Das Seco, welches die Publikation der Informationen bis zuletzt verhindern wollte, verlangte von der Zeitung für deren Bereitstellung 5458 Franken.

 

 

«Diese Recherche ermöglicht ein klareres Bild über die Unternehmen, die im Schweizer Rüstungsgeschäft aktiv sind», sagt Jury-Mitglied Serge Gumy. Der Chefredaktor von «La Liberté» zeigt sich beeindruckt von der Ausdauer und der Hartnäckigkeit, welche die Journalisten gezeigt haben, um an die Dokumente zu gelangen. In der heiklen Debatte um Waffenexporte beleuchte die journalistische Arbeit das Thema aus einem anderen Blickwinkel: «Das ist von öffentlichem Interesse», sagt er. Die Recherche sei ein grosser Schritt «sowohl für den Journalismus als auch für die Transparenz gegenüber der Bevölkerung».

 

Lonza und Pestizid-Verschmutzung auf Platz zwei und drei

Mit dem zweiten Platz geehrt wird der Beitrag «Die Klimaschande von Visp» von «Tamedia»-Journalist Christoph Lenz. Mithilfe von herausverlangten E-Mails belegt er im «Magazin» ein gravierendes Umweltversagen des Lonza-Werks im Wallis und der Behörden. Ausgangspunkt seiner Recherche war die Mitteilung, dass das Chemiewerk ein Prozent der Treibhausgase der Schweiz ausstösst.

Die beiden Journalisten Mathias Gottet und Cedric Fröhlich wurden für ihren Beitrag «Das dreckige Wasserschloss» zu Pestizid-Verschmutzungen im Kanton Bern mit dem dritten Platz ausgezeichnet. Der in der «Berner Zeitung» erschienene Beitrag enthüllt mithilfe des Berner Informationsgesetzes, dass in viel mehr Trinkwasserfassungen als bisher angenommen Chlorothalonil gefunden worden ist.

Insgesamt hat Öffentlichkeitsgesetz.ch 106 Beiträge aus Presse, Rundfunk und TV evaluiert, welche 2020 mithilfe eines Öffentlichkeitsgesetzes realisiert worden sind. Zehn davon wurden für den Prix Transparence 2020 nominiert.

 


Kommentar schreiben

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.