«Ich konnte die Panne erstmals rekonstruieren»

Kam ins Stutzen und liess nicht locker: Journalistin Hablützel.

MAKING-OF Für Recherchen zum Industriegift PCB verlangte Stefanie Hablützel Zugang zu einer Untersuchung des kantonalen Umweltamts. Der Bericht enthielt laut der Bündner Journalistin wichtige Informationen.

Wegen einer Panne bei der Sanierung der Staumauer Punt dal Gall im Kanton Graubünden  landete 2016 Rostschutzfarbe mitsamt krebserregendem PCB im Bach Spöl. Die  Journalistin Stefanie Hablützel recherchierte zum Vorfall und verlangte, gestützt auf das Bündner Öffentlichkeitsgesetz, Einblick in Unterlagen des Kantons. 

Obwohl Graubünden das Öffentlichkeitsprinzip erst seit 2016 kennt, lieferte die kantonale Umweltbehörde den gewünschten Untersuchungsbericht rasch. Dieser dokumentiert ungenügende Kontrollen und macht eine eigentliche Umweltmisere deutlich: Bereits vor dem Unfall war der Bach massiv mit PCB belastet – dies obwohl die  Chemikalie seit 1986 in der Schweiz verboten ist.

Wie kamen Sie dazu, über PCB zu recherchieren?

Auslöser waren die Aufräumarbeiten unterhalb der Staumauer Punt dal Gall. Für Radio SRF realisierte ich im Sommer 2017 eine Reportage und staunte über den gigantischen Aufwand: Da liess der Kanton auf einer Länge von 60 Metern das komplette Bachbett samt PCB-verseuchtem Schlamm, Kies und Steinen ausbaggern! 

Was war dort passiert? 

Im September 2016 kam es zu einer Panne in der Staumauer. Wandfarbe, die entfernt worden war, landete über Umwege im Bach Spöl. Als die Engadiner Kraftwerke den Spöl untersuchten – eigentlich um eine Kontamination auszuschliessen –, fanden sie zum Teil sehr hohe Konzentrationen einer hochgiftigen Chemikalie, nämlich polychlorierte Biphenyle (PCB). Dieser heute weltweit verbotene Bauschadstoff ist krebserregend, hemmt die Fortpflanzung und schädigt Immun- und Nervensystem.  

Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen? 

Ich habe unzählige Gespräche mit Involvierten und Experten geführt. Viele Informationen fand ich mit einer gezielten Suche im Internet. So stiess ich auf weitere besorgniserregende Fälle, zum Beispiel einen Kuhstall, an dessen Wänden PCB-haltige Farbe abgeblättert war. Kühe hatten wahrscheinlich Farbsplitter gefressen und so die krebserregende Industriechemikalie über die Milch an ihre Kälber weitergegeben. Der Grenzwert im Kalbfleisch wurde zum Teil um fast das Fünffache überschritten. Bis zur Publikation meiner Recherche hatten die Behörden diesen Fall unter dem Deckel gehalten. 

Sie setzten das Öffentlichkeitsgesetz in Ihrer Recherche gezielt ein.

Genau. Gestützt auf das im Kanton geltende Öffentlichkeitsprinzip konnte ich im Fall der Sanierungspanne in der Staumauer den umfangreichen, anonymisierten Untersuchungsbericht einsehen. Dieser Bericht ging weit über die Informationen hinaus, die der Kanton von sich aus zugänglich gemacht hatte. In einer Titelgeschichte für den «Beobachter» rekonstruierte ich zum ersten Mal, was genau in der Staumauer passiert war. Die Nachfolgegeschichte fokussierte auf das PCB-Problem in der Landwirtschaft. 

Die Unterlagen bekamen Sie innerhalb einer Woche. Wieso ging das so rasch?  

In meiner Anfrage an das Amt für Natur und Umwelt, die ich per Mail machte und die sich auf das Bündner Öffentlichkeitsgesetz bezog, erklärte ich mich mit einer allfälligen Anonymisierung der involvierten Firmen bereit. Später erfuhr ich vom Kanton, dass er mir  das Dokument auch gestützt auf die Aarhus-Konvention zu Verfügung gestellt hätte. Diese Konvention sichert den Zugang zu Informationen über die Umwelt und hat den Vorteil, keine zeitliche Beschränkung zu kennen.

Hatte die Veröffentlichung des Berichts politische Auswirkungen? 

Bisher nicht, die Staatsanwaltschaft ist immer noch am Ermitteln. Deutlich mehr Reaktionen gab es auf die Recherche zur PCB-Kontamination von Fleisch. Gerade kürzlich hat der Bund eine PCB-Strategie für die Landwirtschaft publiziert, in der jedoch griffige Massnahmen fehlen, wie ich aktuell im «Beobachter» berichte.

Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Bündner Öffentlichkeitsgesetz? 

Seit Ende 2016 ist das Bündner Öffentlichkeitsgesetz in Kraft und hat seither Zugang zu wichtigen Dokumenten ermöglicht. Ein Paukenschlag war die Publikation des Bewerbungsdossiers für die Olympischen Winterspiele 2026, nachdem ich und ein weiterer Journalist einen Antrag auf Einsicht gestellt hatten. Die kantonale Praxis mit dem Gesetz ist jedoch noch jung. Manchmal brauchen die Ämter mehrere Wochen für ihre Antwort und verlangen teilweise einen Antrag per Briefpost. Hier würde ich mir wünschen, dass unbestrittene Dokumente schnell und digital zur Verfügung gestellt werden. 

Wo sehen Sie noch weiteres Verbesserungspotenzial?

Wichtig wären einheitliche, nachvollziehbare Regeln auch auf Stufe der Gemeinde. Leider hat es das Bündner Parlament verpasst, damals das Öffentlichkeitsprinzip auch auf kommunaler Ebene einzuführen. Diverse Gemeinden haben dies unterdessen nachgeholt und das Öffentlichkeitsprinzip eingeführt. Was im Kanton auch fehlt, ist eine Ombudsstelle. Wer mit einem Entscheid nicht einverstanden ist, landet  schnell vor dem Verwaltungsgericht. Dafür braucht es Geld und einen langen Atem. 

Interview: Julia Rippstein


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