Für engagierte Medien ist Staatsförderung eine Chance

Unterstützung vom Staat für regionale Medien: Redaktionssitzung beim Neuenburger ArcInfo. (Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Von Martin Stoll. Vier Jahre nach der «No Billag»-Initiative stimmt die Schweiz Anfang 2022 erneut über staatliche Förderung von Medien ab. Die Vorlage polarisiert, da auch Grossverlage unterstützt würden. Für die Non-Profit-Organisationen der Medien ist das Förderprogramm eine Chance.

 

2017 machten die journalistischen NPOs der Schweiz in einem Treffen mit der Eidgenössischen Medienkommission erstmals auf ihre Situation aufmerksam: Sieben Organisationen – darunter auch Öffentlichkeitsgesetz.ch – rechneten den Beraterinnen und Beratern der Regierung vor, wie viele Tausend Stunden Freiwilligenarbeit sie jährlich leisten.

Am Tisch sassen Vertreterinnen und Vertreter des «Schweizer Presserats», von «Junge Journalistinnen und Journalisten Schweiz», des «Recherche-Netzwerk investigativ.ch», des «Reporter:innen Forum» und weiterer Organisationen.

Unterfinanzierte Strukturen sind ein Risiko

Die Medienschaffenden schilderten den Experten, wie sie neben dem stressigen Redaktionsalltag Workshops und Erzählcafés auf die Beine stellen und in Sonntagsarbeit Datenbanken zu Gerichtsentscheiden und Lobbynetzwerken füttern. Sie tun dies, weil sie für ihren Beruf brennen.

Diese Freiwilligenarbeit bringe sie aber an die Grenzen, sagten die Engagierten: Angesichts der Arbeitsbelastung in den Newsrooms wiege jede Stunde Freiwilligenarbeit recht schwer. Deshalb sei das Prinzip der journalistischen Fronarbeit riskant. Wichtige Projekte hingen von einzelnen Personen ab: «Wird die Arbeit nicht mehr geleistet, treten Personen aus, ist die Initiative gestorben.»

«Untaugliches Geschäftsmodell»: Bei der Förderung des engagierten Journalismus sei der Staat gefordert, sagt Wirtschaftswissenschaftler Stiglitz. (Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Die Expertinnen und Experten nickten anerkennend, lobten das Engagement als wichtigen Beitrag für eine lebendige Publizistik in der Schweiz. Die Arbeit der journalistischen Basisorganisationen war danach immer wieder Thema, auch in den Beratungen zum Medienpaket, das im Februar zur Abstimmung kommt. Unbestritten war und ist bis jetzt, dass journalistische NPOs ähnlich (wenn auch weitaus bescheidener) wie die Medienschulen künftig im Rahmen der Ausbildungsförderung von staatlichen Zuschüssen profitieren sollen.

Investigativer Journalismus ein «Marktfehler»

Doch: Werden kritische Medienschaffende, die mithilfe von staatlichen Mitteln gefördert werden nicht beeinflusst, gezähmt, gegängelt?

Mit Zuschüssen des Bundesamts für Kommunikation haben wir in der Vergangenheit immer wieder Schulungen veranstaltet: Vertiefungs-Lehrgänge, Abendschulungen und unsere Roadshow durch die Kantone.

Obwohl Geld dafür auch von der Verwaltung kam, liessen sich die Medienschaffenden nicht kaufen. Im Gegenteil. Sie wurden versierter im Umgang mit den Zugangsrechten, die ihnen zustehen. Sie benutzen die Öffentlichkeitsgesetze von Bund und Kantonen und realisieren damit immer häufiger Beiträge, welche sehr oft auch Fehlentwicklungen in den Verwaltungen aufdecken.

Engagierter Journalismus ist nötig und wichtiger denn je. Damit lässt sich das System, in dem wir dringend Lösungen finden müssen, nachhaltig stärken. Investigativer Journalismus, den die kleinen NPOs in der Schweiz genauso fördern, wie Medienhäuser in ihren Recherchedesks, sei allerdings ein Marktfehler, sagte der US-Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz unlängst. Er sei zwar ein öffentliches Gut, für das es eine grosse Nachfrage gebe. Aber als Geschäftsmodell tauge es nicht – da seien Stiftungen genauso gefordert wie der der Staat, sagt er zu Recht.


Martin Stoll ist Initiant und Geschäftsführer von Öffentlichkeitsgesetz.ch und Vizepräsident von investigativ.ch


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