Walliser Regierung sperrt Quecksilber-Bericht weg

 

Lonzawerke Visp im Jahr 1946: Während Jahrzehnten verschmutzte die Chemiefabrik den Grossgrundkanal mit giftigem Quecksilber. (Foto: RDB/ATP/Jean-Pierre Grisel)

Von Daniel Bütler. Im Wallis sind Hunderte Grundstücke mit Quecksilber verseucht. Die Kantonsregierung wehrt sich mit Händen und Füssen, eine historische Untersuchung des Umweltdebakels der RTS herauszugeben.

Der Datenschutzbeauftragte des Kantons Wallis ist sicher: Die historische Untersuchung sei eine «Bombe». Es sei «unglaublich», dass der Staatsrat einen Bericht geheim halten wolle, in dem es um die Gesundheit von vielen Menschen gehe, sagte Datenschützer Sébastien Fanti im «Walliser Booten». Auch Umweltschützer und Journalisten versprechen sich aufschlussreiche Informationen darüber, wer für das Umweltdebakel verantwortlich ist. Denn das ist auch nach sechs Jahren ungeklärt.

2011 stiess man im Wallis auf massiv erhöhte Quecksilberwerte im Boden. Hunderte Parzellen rund um Visp und Raron sind mit dem hochgiftigen Material verschmutzt. Zwar stellte eine wissenschaftliche Studie keine gesundheitlichen Schäden bei den Anwohnern fest. Dennoch ist das Quecksilber im Boden für Mensch und Umwelt langfristig eine Gefahr. Bei mindestens 120 Privatgrundstücken müssen die Böden ausgewechselt werden, da die gesetzlichen Grenzwerte überschritten sind. Konservativ geschätzt werden die Aufräumarbeiten mindestens 40 Millionen Franken kosten.

Das Quecksilber stammt vom Chemiekonzern Lonza, der das Material jahrzehntelang in seiner Produktion in Visp einsetzte. Die hochgiftigen Abwässer gelangten bis 1974 in den Grossgrundkanal, und von dort in die Rhone. Mit Quecksilber kontaminierter Schlamm aus dem Kanal wurde auf die umliegenden Felder verteilt. So entstand die flächenmässig grösste Altlast der Schweiz.

Haben die Walliser Umweltbehörden geschlampt? 

Wer die Kosten für die Sanierung übernehmen muss, ist noch nicht geklärt. Dies hängt eng mit der Haftungsfrage zusammen. Grundsätzlich haftet bei Altlasten der Verursacher. Lonza bestreitet nicht, Quelle des Quecksilbers zu sein, sagt aber im «Beobachter», das Abführen giftiger Abwässer sei «gesetzeskonform und mittels Vertrag geregelt» gewesen. Dass das Gift auf die Felder gelangte, dafür sei Lonza nicht verantwortlich.

Grossflächig verschmutzt: Feld im Walliser Talboden. (Foto: Lonza)

Die Dienststelle für Umweltschutz des Kantons Wallis lässt offen, inwiefern Kanton und Gemeinden in der Verantwortung stehen. Interessant ist, dass die Einleitung toxischer Abwässer in Gewässer bereits Ende des 19. Jahrhunderts verboten war.

Dennoch will die Umweltbehörde keine illegale Praxis geduldet haben. Man habe nach Bekanntwerden der Quecksilberverschmutzung des Kanals 1974 die Verteilung der giftigen Sedimente sofort gestoppt, sagt die Behörde dem «Beobachter». Zeitzeugen widersprechen dieser Version. Es gibt also einige brisante Fragen, zu denen es in der historischen Untersuchung Stoff gibt.

Das Westschweizer Fernsehen RTS verlangte 2014 Einsicht in das Dokument gemäss Öffentlichkeitsgesetz. Die Dienststelle für Umweltschutz verweigerte die Herausgabe. Die Begründung: Der Bericht enthalte heute widerlegte Arbeitshypothesen und würde daher zu Verwirrung führen. Zudem sei er Bestandteil eines laufenden juristischen Verfahrens.

Machtkampf in der Walliser Verwaltung

RTS wandte sich an den Walliser Datenschutzbeauftragten Fanti, der empfahl, das Dokument herauszugeben – erfolglos. Er reichte darauf beim Kantonsgericht Rekurs ein. Fanti beruft sich auch auf die Arhus-Konvention, gemäss der Behörden verpflichtet sind, umweltrelevante Informationen zur Verfügung zu stellen. Der Entscheid des Walliser Kantonsgerichts ist hängig. Fanti hat bereits angekündigt, das Verfahren bis zur letztmöglichen Instanz weiterzuziehen. Sauer aufgestossen ist ihm, dass die Regierung ihm offenbar verbieten wollte, in dieser Angelegenheit die Öffentlichkeit zu informieren. Das sei eine «Form der Zensur».

RTS verlangte auch vom Bundesamt für Umwelt die Herausgabe des Quecksilber-Berichts. Das Amt weigerte sich mit Verweis auf das laufende Walliser Verfahren – zu Recht, befand der in dieser Sache angerufene EDÖB.

 


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