Hier ist es angeblich sicher
Simon Marti, NZZ am Sonntag, 23.11.2025
Im Oktober legte der Bundesrat fest, dass die Rückkehr ukrainischer Flüchtlinge in den Westen des Landes zumutbar sei. Das SEM betont zwar, der Bund prüfe weiterhin jeden Asylantrag individuell. Wer aus einer dieser westlichen Regionen in die Schweiz kommt, erhält den unbürokratischen Schutzstatus S jedoch grundsätzlich nicht mehr und kann weggewiesen werden. Jedoch wird auch der Westen der Ukraine immer wieder von russischen Angriffen heimgesucht. Gestützt auf das BGÖ verlangte die NZZ am Sonntag Einsicht in die Dokumente, auf die sich der Bund bei seiner Beurteilung stützte, dass der Westen der Ukraine als sicher gilt. Erhalten hat sie einen knapp 50 Seiten langen internen Bericht zur «Sicherheitslage in sieben westlichen Oblasten» der Ukraine, den die Mitarbeiter des SEM im Sommer verfasst haben. Das Staatssekretariat lobt die Analyse als «umfassende Lagebeurteilung». Die Mitarbeiter des SEM haben in ihrem Bericht die russischen Angriffe auf den Westen der Ukraine zwischen August 2024 und Juli 2025 aufgelistet. Ein typischer Eintrag lautet: «Beim ukraineweiten russischen Luftangriff vom 17. auf den 18. November 2024 wurde in der Oblast Lwiw eine Person durch herabfallende Trümmerteile einer Rakete getötet. Zwei weitere Menschen wurden verletzt und mehrere zivile Gebäude beschädigt.» Das Dokument gipfelt in einer Gesamtschau sämtlicher kriegerischer Ereignisse in der Westukraine innerhalb von zwölf Monaten. Es ist der Versuch, Tod und Zerstörung in eine Excel-Tabelle zu packen. Der Auswertung zufolge wurden in der Region Wolin 3 Menschen durch das russische Militär getötet und 35 verletzt. In Lwiw waren es 9 Tote, in Transkarpatien 15 Verletzte. In Ternopil kam während des untersuchten Jahres eine Person ums Leben. Für alle sieben Regionen zusammen stellt das SEM in diesem Zeitraum 17 Tote und 180 Verletzte fest. Bloss, was lässt sich aus diesen Zahlen ableiten? Die Autoren definieren keine Schwellenwerte, ab wann ein Gebiet gefährlicher ist als ein anderes. Stattdessen vergleichen sie die Opfer des Krieges mit Verkehrstoten. Die SEM-Beamten verweisen darauf, dass im Jahr 2022 in der Ukraine pro einer Million Menschen 74 Personen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen sind. Durch russische Angriffe starben in der Region Lwiw innerhalb eines Jahres 3,6 Menschen pro einer Million Einwohner. Die Botschaft hinter dieser ungewöhnlichen Rechnung ist eindeutig: Autofahren scheint in manchen Gegenden der Ukraine tödlicher als der Krieg. Dieser Logik ist der Bundesrat gefolgt.
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