Beat Weber

Das Erbe der Demokraten

Geld für Transparenzprojekt: «Landboten»-Erbe Beat Weber

Er überlege, ob er mit dem Geld aus dem Verkauf seiner Aktien investigativen Journalismus fördern könnte, sagte Beat Weber Ende 2013. Standhaft hatte sich der Spross der Winterthurer Verlegerfamilie Ziegler anfänglich dem Verkauf des «Landboten» an den Zürcher Tamedia-Konzern widersetzt.  Es war die emotionale Bindung des pensionierten St. Galler Spitalpfarrers an den traditionellen Zeitungsbetrieb, die ihn abhielt, schnelles Geld mit den Anteilsscheinen machen.

«Der Landbote» war 1836   im Zuge der «Regeneration», der liberalen politischen Erneuerung nach der Pariser Julirevolution von 1830, gegründet worden und wurde in den folgenden Jahrzehnten zum Vorkämpfer und Organ der demokratischen Opposition gegen das liberale «System».

Die Demokraten wehrten sich damals gegen den mächtig gewordenen, aufstrebenden Zürcher Wirtschaftsfilz, gegen das «System Escher». Der Eisenbahnunternehmer Alfred Escher war das erklärte Feindbild der Winterthurer Demokraten, weil dieser in den damaligen Boomjahren die bei ihm versammelte Wirtschaftsmacht nicht aus den Händen gab und Handwerkern, Bauern und kleinen Betrieben keine Entwicklungschancen liess. Deshalb forderten die Demokraten Volksrechte ein und erreichten  1869 unter anderem die demokratische Revision der Zürcher Kantonsverfassung und 1874 die Totalrevision der Bundesverfassung, bei der unter anderem das Referendumsrecht eingeführt wurde.

Gegen «Bundesbarone» und Veruntreuung öffentlicher Gelder

Führende Köpfe der demokratischen Bewegung: Friedrich Albert Lange und Salomon Bleuler

«Der Landbote» wurde zu einem politischen Projekt, einem «Labor für die Entwicklung der Volksrechte in der Schweiz», wie der Politwissenschaftler  und SP-Politiker Andreas Gross in einem Aufsatz schreibt. Der Zeitungsverlag war 1861 von Salomon Bleuler, Redaktor und demokratischer Politiker, gekauft worden. Nach dem Tode Bleulers 1886 übernahm sein Schwager und Redaktionskollege Gottlieb Ziegler, vorher demokratischer Nationalrat und Regierungsrat, für seine eigenen Töchter als Miterbinnen  Bleulers, der kinderlos geblieben war, das Blatt samt dem ganzen Druckereigeschäft. Seit 1886 erschien «Der Landbote» darum im «Druck und Verlag von Geschwister Ziegler (vormals Bleuler-Hausheer & Cie.)». Das jüngste der Geschwister Ziegler, Hedwig, ist die Urgossmutter von Beat Weber.

Dank einer nachhaltigen Firmenpolitik der Besitzerfamilien (der Nachkommen von zuletzt dreien der Töchter Zieglers) konnte sich die Zeitung auch nach dem  Abflauen der demokratischen Bewegung und der Auflösung der Demokratischen Partei im regionalen Markt behaupten. Im Jahr 1974  wurde die «Geschwister Ziegler & Co.» in eine Aktiengesellschaft, die «Ziegler Druck- und Verlags-AG» umgewandelt. Neue Zeiten brachen an, als  das Zürcher Verlagshaus Tamedia 2005  zuerst einen 20-Prozent-Anteil und 2012  auch die verfügbaren 70 Prozent der verkaufswilligen Familienmitglieder kaufte. Schliesslich entschloss sich 2013 auch der letzte Familienaktionär, seine 903 Aktien an Tamedia zu veräussern.

Mit dem Verkauf, sagt Beat Weber, habe er einen «psychologischen» Schlussstrich ziehen wollen, nachdem ihm klar geworden sei, dass er  mit seinem Aktienanteil beim «Landboten» keinen Einfluss mehr nehmen könne. Einen Teil des Geldes investierte Weber bei Öffentlichkeitsgesetz.ch. Friedrich Locher, ein Wortführer der demokratischen Bewegung, hätte an der Schenkung seine Freude gehabt – in den 1860er Jahren stellte dieser «Bundesbarone» an den Pranger und wehrte sich gegen den Missbrauch und die Veruntreuung öffentlicher Gelder.


Die Zeitung als Laboratorium für die Entwicklung der Volksrechte – Andreas Gross beschreibt, wie die zwei Redaktoren Friedrich Albert Lange und Salomon Bleuler den Winterthurer «Landboten» zu einem Leuchtturm der direkten Demokratie machten.

Wie die liberale Herrschaft in Zürich unterging  – Der Historiker und Publizist Joseph Jung beleuchtet den Pamphletịsten Friedrich Locher, einen Wortführer der Demokraten und schonungsloser Kritiker der mächtigen Zürcher Wirtschaftselite, der nicht davor zurückschreckte skandalöse «Concubinatsverhältnisse» der politischen Gegner anzuprangern.