{"id":9652,"date":"2018-09-02T08:51:18","date_gmt":"2018-09-02T07:51:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/?p=9652"},"modified":"2018-09-02T08:52:05","modified_gmt":"2018-09-02T07:52:05","slug":"auch-algorithmen-mussen-grundsatzlich-offentlich-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/2018\/09\/auch-algorithmen-mussen-grundsatzlich-offentlich-sein\/","title":{"rendered":"\u00abAuch Algorithmen m\u00fcssen grunds\u00e4tzlich \u00f6ffentlich sein\u00bb"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_9660\" class=\"wp-caption alignleft\" style=\"width: 592px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9660 size-full\" src=\"https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/files\/2018\/07\/timo_maz.jpg\" alt=\"\" width=\"582\" height=\"328\" srcset=\"https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/files\/2018\/07\/timo_maz.jpg 582w, https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/files\/2018\/07\/timo_maz-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 582px) 100vw, 582px\" \/> Macht mit dem Gesetz im R\u00fccken Druck auf die Verwaltung: Datenjournalist Grossenbacher.<p class=\"wp-caption-text\"><\/p><\/div>\n<p><strong><span style=\"color: #fff;background-color: #000;padding: 1px 5px\">MAKING-OF<\/span> <\/strong><strong>Timo Grossenbacher, Journalist bei SRF Data, hat den Algorithmus herausverlangt, mit dem R\u00fcckf\u00e4lle bei Straft\u00e4tern minimiert werden sollen. \u00abMan sollte sich nicht abwimmeln lassen\u00bb, sagt er.<\/strong><\/p>\n<p>Das Informatik-Tool wird bis Ende 2018 in der ganzen Deutschschweiz operativ sein \u2013 als Teil einer neuen \u00abNull-Risiko-Politik\u00bb im Strafvollzug. Dabei werden Straft\u00e4ter in Risikoklassen eingeteilt. \u00abKann man r\u00fcckfallgef\u00e4hrdete Personen wirklich mit Informatik entlarven?\u00bb, wollten die\u00a0 SRF-Datenjournalisten wissen. Die Antwort fanden sie mithilfe des Z\u00fcrcher Informationsgesetzes.\u00a0<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Wende hatte der \u00abMord vom Zollikerberg\u00bb im Jahr 1993 gebracht. Damals war ein vorbestrafter Gewaltt\u00e4ter im Freigang r\u00fcckf\u00e4llig geworden. Er hatte im Wald eine junge Frau \u00fcberfallen und umgebracht. Die unter Druck geratenen Beh\u00f6rden schafften sich eine Software an, mit der Informationen zum aktuellen Delikt und zu allen Vorstrafen verarbeitet werden. Nach nur 20 Minuten ist ein Straft\u00e4ter mithilfe eines Algorithmus in eine von drei R\u00fcckfallrisiko-Gruppen eingeteilt.\u00a0<\/p>\n<p>Timo Grossenbacher und sein Arbeitskollege Christof Schneider wollten mehr \u00fcber den Mechanismus der Software wissen. Sie verlangten \u2013 gest\u00fctzt auf das Z\u00fcrcher Informationsgesetz (IDG) \u2013 <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/static\/srf-data\/data\/2018\/ros\/fast_manual_und_gewichte.pdf\">den Algorithmus heraus<\/a>, mit dem die Software arbeitet. Die Daten-Journalisten stellten fest, dass die Beh\u00f6rden diesen Ende 2017 angepasst hatten. Seit diesem Zeitpunkt werden Delikte im Bereich h\u00e4uslicher Gewalt und jugendanwaltschaftliche Eintr\u00e4ge weniger stark gewichtet. Obwohl Kritiker an der Zuverl\u00e4ssigkeit der Bewertungstools zweifeln,\u00a0\u00a0will die Z\u00fcrcher Verwaltung \u2013 und damit alle Deutschschweizer Kantone \u2013 weiterhin auf das Tool setzen.<\/p>\n<p><strong>Timo Grossenbacher, wie kommt man auf die Idee, von der Verwaltung den Algorithmus einer Software zu verlangen?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/rueckfallrisiko-bei-straftaetern-die-grosse-screening-maschine\">Recherchen zur \u00abgrossen Screeningmaschine\u00bb<\/a> haben wir mit einem sehr allgemeinen Ansatz begonnen. Erst im Gespr\u00e4ch mit einem Mitarbeiter des Z\u00fcrcher Amts f\u00fcr Justizvollzug kamen wir auf die Idee, das Dokument mit dem Algorithmus, das Schema, mit dem die Gef\u00e4hrlichkeit von Straft\u00e4tern beurteilt wird, zu verlangen. Die Antwort war negativ. Der Verwaltungsangestellte argumentierte, ein Zugang zum Dokument sei nur im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit m\u00f6glich.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Hat Sie diese klare Durchsage abgeschreckt?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Uns war bewusst, dass die \u00d6ffentlichkeit wissen darf, wie ein solches Werkzeug funktioniert. Ausserdem ist es von den Beh\u00f6rden entwickelt und danach in der ganzen Deutschschweiz eingef\u00fchrt worden. Knackpunkt war, dass dieser Algorithmus zwar schon seit f\u00fcnf bis sechs Jahren existiert, aber erst in den letzten paar Jahren in eine Online-Applikation \u00fcbertragen wurde. Daf\u00fcr beauftragten die Z\u00fcrcher Beh\u00f6rden ein Unternehmen. Ein privates Unternehmen will seine Gesch\u00e4ftsgeheimnisse sch\u00fctzen, das kann ein Abwimmelungsgrund sein. Deswegen fragten wir bei den Beh\u00f6rden nach dem Mandat, das sie diesem Unternehmen gegeben hatten. Wir verlangten die sogenannte Anforderungsspezifikation heraus.\u00a0Gut f\u00fcr uns war, dass der eigentliche Algorithmus nicht unter dem Gesch\u00e4ftsgeheimnis dieser Firma stand, da ihn ja die Beh\u00f6rde entwickelt hat.<\/p>\n<p><strong>Wie haben die Beh\u00f6rden reagiert?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben den Antrag Anfang Mai eingereicht. Er blieb unbeantwortet. Nicht einmal eine Eingangsbest\u00e4tigung haben wir erhalten. Kurz vor der Ver\u00f6ffentlichung unseres Berichts Mitte Juni trafen wir uns erneut mit den Justizbeh\u00f6rden. W\u00e4hrend dieses Interviews hat man uns das Dokument dann \u00fcberreicht. Es steckte in einem frankierten Umschlag und h\u00e4tte noch gleichentags abgeschickt werden sollen. Wir waren, nach dem langen Schweigen, von diesem seltsamen Zufall sehr \u00fcberrascht.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Das 23-seitige Dokument, das Sie erhielten, ist als internes Material bezeichnet.<\/strong><\/p>\n<p>Das hat uns auch \u00fcberrascht. Das Dokument ist eigentlich nicht sehr brisant, aber ein \u00f6ffentliches Interesse ist schon gegeben. Als die Beh\u00f6rden uns Umschlag mit dem Dokument \u00fcberreichten, gaben sie sich jovial und sagten: Selbstverst\u00e4ndlich ist das \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p><strong>Welches Fazit ziehen Sie aus dieser Erfahrung?<\/strong><\/p>\n<p>Man sollte sich nicht abwimmeln lassen. Die Chance, ein Dokument zu erhalten, h\u00e4ngt davon ab, wie und bei wem die Anfrage gestellt wird. In unserem Fall war der offizielle Weg erfolgreich.<\/p>\n<p><strong>Werden Sie daher diese Gesetze in Zukunft systematischer einsetzen?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr uns Datenjournalisten war das eine sehr ermutigende Erfahrung. Jetzt haben wir die Gewissheit: Nicht nur Dokumente, auch Daten und Algorithmen, die von Beh\u00f6rden entwickelt werden, m\u00fcssen grunds\u00e4tzlich \u00f6ffentlich sein. Selbst wenn ein privates Unternehmen involviert ist. Das motiviert mich, in Recherchen auch k\u00fcnftig \u00d6ffentlichkeitsgesetze einzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Werden Sie auch vor Gericht f\u00fcr den Zugang zu Daten k\u00e4mpfen?<\/strong><\/p>\n<p>Es kann sich schon lohnen, mit rechtlichen Mitteln Druck auszu\u00fcben. Auf keinen Fall sollte man nach einer ersten Ablehnung aufgeben. Je mehr Journalisten mit den \u00d6ffentlichkeitsgesetzen arbeiten, desto mehr geraten auch diejenigen Kantone und Gemeinden unter Druck, die heute noch kein \u00d6ffentlichkeitsprinzip kennen.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Was muss sich bei der Umsetzung der \u00d6ffentlichkeitsgesetze verbessern?<\/strong><\/p>\n<p>Einige Gremien, beispielsweise Ombudsstellen, sind Grauzonen. Es ist nicht klar, ob sie den \u00d6ffentlichkeitgesetzen unterstellt sind. Auch Kantone, die das Geheimhaltungsprinzip noch kennen, sind f\u00fcr uns Datenjournalisten problematisch. Wir fragen die Kantone ja oft fl\u00e4chendeckend nach Zahlen und bekommen die Daten dann nur unvollst\u00e4ndig. In unseren Artikeln erw\u00e4hnen wir dann immerhin, welche Kantone nicht geliefert haben. Es ist auch ein Druckmittel.<\/p>\n<p><em>Interview: Julia Rippstein<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MAKING-OF Timo Grossenbacher, Journalist bei SRF Data, hat den Algorithmus herausverlangt, mit dem R\u00fcckf\u00e4lle bei Straft\u00e4tern minimiert werden sollen. \u00abMan sollte sich nicht abwimmeln lassen\u00bb, sagt er. Das Informatik-Tool wird bis Ende 2018 in der ganzen Deutschschweiz operativ sein \u2013 als Teil einer neuen \u00abNull-Risiko-Politik\u00bb im Strafvollzug. 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