{"id":11099,"date":"2019-09-27T12:42:11","date_gmt":"2019-09-27T11:42:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/?p=11099"},"modified":"2019-11-09T07:37:06","modified_gmt":"2019-11-09T06:37:06","slug":"ich-konnte-die-panne-erstmals-rekonstruieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/2019\/09\/ich-konnte-die-panne-erstmals-rekonstruieren\/","title":{"rendered":"\u00abIch konnte die Panne erstmals rekonstruieren\u00bb"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_11121\" class=\"wp-caption alignleft\" style=\"width: 592px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11121 size-full\" src=\"https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/files\/2019\/09\/Stefanie-1.png\" alt=\"\" width=\"582\" height=\"328\" srcset=\"https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/files\/2019\/09\/Stefanie-1.png 582w, https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/files\/2019\/09\/Stefanie-1-300x169.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 582px) 100vw, 582px\" \/> Kam ins Stutzen und liess nicht locker: Journalistin Habl\u00fctzel.<p class=\"wp-caption-text\"><\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left\"><strong><span style=\"color: #fff;background-color: #000;padding: 1px 5px\">MAKING-OF<\/span><\/strong><strong> F\u00fcr Recherchen zum Industriegift PCB verlangte Stefanie Habl\u00fctzel Zugang zu einer Untersuchung des kantonalen Umweltamts. Der Bericht enthielt laut der B\u00fcndner Journalistin wichtige Informationen<\/strong>.<\/p>\n<p>Wegen einer Panne bei der Sanierung der Staumauer Punt dal Gall im Kanton Graub\u00fcnden \u00a0landete 2016 Rostschutzfarbe mitsamt krebserregendem PCB im Bach Sp\u00f6l. Die \u00a0Journalistin Stefanie Habl\u00fctzel recherchierte zum Vorfall und verlangte, gest\u00fctzt auf das B\u00fcndner \u00d6ffentlichkeitsgesetz, Einblick in Unterlagen des Kantons.\u00a0<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Obwohl Graub\u00fcnden das \u00d6ffentlichkeitsprinzip erst seit 2016 kennt, lieferte die kantonale Umweltbeh\u00f6rde den gew\u00fcnschten Untersuchungsbericht rasch. Dieser dokumentiert ungen\u00fcgende Kontrollen und macht eine eigentliche Umweltmisere deutlich:\u00a0Bereits vor dem Unfall war der Bach\u00a0massiv mit PCB belastet \u2013 dies obwohl die \u00a0Chemikalie seit 1986 in der Schweiz verboten ist.<\/p>\n<p><strong>Wie kamen Sie dazu, \u00fcber PCB zu recherchieren?<\/strong><\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser waren die Aufr\u00e4umarbeiten unterhalb der Staumauer Punt dal Gall. F\u00fcr Radio SRF realisierte ich im Sommer 2017 eine\u00a0<a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/fuenf-kilometer-bach-vergiftet-das-wird-teuer\">Reportage<\/a>\u00a0und staunte \u00fcber den gigantischen Aufwand: Da liess der Kanton auf einer L\u00e4nge von 60 Metern das komplette Bachbett samt PCB-verseuchtem Schlamm, Kies und Steinen ausbaggern!\u00a0<\/p>\n<p><strong>Was war dort passiert?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Im September 2016 kam es zu einer Panne in der Staumauer. Wandfarbe, die entfernt worden war, landete \u00fcber Umwege im Bach Sp\u00f6l. Als die Engadiner Kraftwerke den Sp\u00f6l untersuchten \u2013 eigentlich um eine Kontamination auszuschliessen \u2013, fanden sie zum Teil sehr hohe Konzentrationen einer hochgiftigen Chemikalie, n\u00e4mlich polychlorierte Biphenyle (PCB). Dieser heute weltweit verbotene Bauschadstoff ist krebserregend, hemmt die Fortpflanzung und sch\u00e4digt Immun- und Nervensystem. \u00a0<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe unz\u00e4hlige Gespr\u00e4che mit Involvierten und Experten gef\u00fchrt. Viele Informationen fand ich mit einer gezielten Suche im Internet. So stiess ich auf weitere besorgniserregende F\u00e4lle, zum Beispiel einen Kuhstall, an dessen W\u00e4nden PCB-haltige Farbe abgebl\u00e4ttert war. K\u00fche hatten wahrscheinlich Farbsplitter gefressen und so die krebserregende Industriechemikalie \u00fcber die Milch an ihre K\u00e4lber weitergegeben. Der Grenzwert im Kalbfleisch wurde zum Teil um fast das F\u00fcnffache \u00fcberschritten. Bis zur Publikation meiner Recherche hatten die Beh\u00f6rden diesen Fall unter dem Deckel gehalten.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Sie setzten das \u00d6ffentlichkeitsgesetz in Ihrer Recherche gezielt ein.<\/strong><\/p>\n<p>Genau. Gest\u00fctzt auf das im Kanton geltende \u00d6ffentlichkeitsprinzip konnte ich im Fall der Sanierungspanne in der Staumauer den umfangreichen, anonymisierten Untersuchungsbericht einsehen. Dieser Bericht ging weit \u00fcber die Informationen hinaus, die der Kanton von sich aus zug\u00e4nglich gemacht hatte. In einer\u00a0<a href=\"https:\/\/www.oeffentlichkeitsgesetz.ch\/deutsch\/files\/2018\/12\/PCB_1-10_optimiert.pdf\">Titelgeschichte f\u00fcr den \u00abBeobachter\u00bb<\/a>\u00a0rekonstruierte ich zum ersten Mal, was genau in der Staumauer passiert war. Die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.beobachter.ch\/umwelt\/umweltpolitik\/pcb-gift-im-fleisch-und-niemand-tut-etwas\">Nachfolgegeschichte<\/a>\u00a0fokussierte auf das PCB-Problem in der Landwirtschaft.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Die Unterlagen bekamen Sie innerhalb einer Woche. Wieso ging das so rasch? \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>In meiner Anfrage an das Amt f\u00fcr Natur und Umwelt, die ich per Mail machte und die sich auf das B\u00fcndner \u00d6ffentlichkeitsgesetz bezog, erkl\u00e4rte ich mich mit einer allf\u00e4lligen Anonymisierung der involvierten Firmen bereit. Sp\u00e4ter erfuhr ich vom Kanton, dass er mir \u00a0das Dokument auch gest\u00fctzt auf die Aarhus-Konvention zu Verf\u00fcgung gestellt h\u00e4tte. Diese Konvention sichert den Zugang zu Informationen \u00fcber die Umwelt und hat den Vorteil, keine zeitliche Beschr\u00e4nkung zu kennen.<\/p>\n<p><strong>Hatte die Ver\u00f6ffentlichung des Berichts politische Auswirkungen?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Bisher nicht, die Staatsanwaltschaft ist immer noch am Ermitteln. Deutlich mehr Reaktionen gab es auf die Recherche zur PCB-Kontamination von Fleisch. Gerade k\u00fcrzlich hat der Bund eine PCB-Strategie f\u00fcr die Landwirtschaft publiziert, in der jedoch griffige Massnahmen fehlen, wie ich <a href=\"https:\/\/www.beobachter.ch\/umwelt\/giftstoff-im-fleisch-worte-machen-rinder-nicht-gesunder?utm_source=facebook&amp;utm_medium=social&amp;utm_campaign=article_traffic\">aktuell im \u00abBeobachter\u00bb berichte<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Was sind Ihre Erfahrungen mit dem B\u00fcndner \u00d6ffentlichkeitsgesetz?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Seit Ende 2016 ist das B\u00fcndner \u00d6ffentlichkeitsgesetz in Kraft und hat seither Zugang zu wichtigen Dokumenten erm\u00f6glicht. Ein Paukenschlag war die Publikation des Bewerbungsdossiers f\u00fcr die Olympischen Winterspiele 2026, nachdem ich und ein weiterer Journalist einen Antrag auf Einsicht gestellt hatten. Die kantonale Praxis mit dem Gesetz ist jedoch noch jung. Manchmal brauchen die \u00c4mter mehrere Wochen f\u00fcr ihre Antwort und verlangen teilweise einen Antrag per Briefpost. Hier w\u00fcrde ich mir w\u00fcnschen, dass unbestrittene Dokumente schnell und digital zur Verf\u00fcgung gestellt werden.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Wo sehen Sie noch weiteres Verbesserungspotenzial?<\/strong><\/p>\n<p>Wichtig w\u00e4ren einheitliche, nachvollziehbare Regeln auch auf Stufe der Gemeinde. Leider hat es das B\u00fcndner Parlament verpasst, damals das \u00d6ffentlichkeitsprinzip auch auf kommunaler Ebene einzuf\u00fchren. Diverse Gemeinden haben dies unterdessen nachgeholt und das \u00d6ffentlichkeitsprinzip eingef\u00fchrt. Was im Kanton auch fehlt, ist eine Ombudsstelle. Wer mit einem Entscheid nicht einverstanden ist, landet\u00a0\u00a0schnell vor dem Verwaltungsgericht. Daf\u00fcr braucht es Geld und einen langen Atem.\u00a0<\/p>\n<p><em>Interview: Julia Rippstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MAKING-OF F\u00fcr Recherchen zum Industriegift PCB verlangte Stefanie Habl\u00fctzel Zugang zu einer Untersuchung des kantonalen Umweltamts. 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